Dienstag, 2. Dezember 2008

Aus Bombay

Die folgenden vielen Zeilen erzaehlen Euch davon, wie wir die Tage der Terroranschlage in Bombay verbracht haben...
Es war unser erster Tag in Bombay. Endlich angekommen in der grossen Metropole, wo das Herz des modernen Indiens schlaegt. Nach einer schlafarmen Nachtzugfahrt inmitten schnarchender Inder und einem streitenden Liebespaar, einer desolaten Hotelsuche am Morgen, endlosen Stunden am Ticketreservierungsschalter am Nachmittag am CST, wo spaeter viele Menschen den Tod fanden, kommen wir endlich in unserem Viertel, Colaba, zur Ruhe. Wir finden ein kleines Restaurant und geniessen frischen Saft und gute indische Kueche inmitten von Taxifahrern. Nach einer Runde am ueberfuellten India Gate bei Sonnenuntergang war fuer uns ganz klar, wo dieser Abend enden sollte: Im Leopold's. Diese seit 1873 bestehende Bar ist nicht nur eine echte Insitution im Bombayer Nachtleben, sondern auch einer der Schauplaetze in Shantaram, einem Roman, den wir und einige Millionen Anderer gelesen haben. Als wir um 19 Uhr unser 1. Bier bestellen, fuellt sich der Laden langsam. In die zur Strasse hin offene Bar treten Touristen, die wir tagsueber schon am Bahnhof kennengelernt haben, Indern, die sich die westlichen Preise leisten koennen und Andere, die kurz oder schon laenger in Bombay verweilen. Wir saugen etwas von der Atmosphaere ein, die im Raum schwebt, beobachten die Menschen um uns herum. Das kosmopolitische Bombay ist wieder ein anderes Gesicht von Indien, das sich in unser Bild einfuegt. An der Wand haengt eine Collage alter Rocklegenden. Wir raten die Gesichter auf den verblichenen Fotografien und bestellen das 2. Bier. Die an das geschaeftige Treiben gewoehnten Kellner platzieren flink Flaschen und Teller auf den Tischen. Wir werten unseren Tag aus. Am Eingang des Leopolds bildet sich eine Schlange, die um frei werdende Tische ansteht. Es war ein langer Tag fuer uns, die kurze Nacht und das Bier lassen die Muedigkeit ueber uns einfallen. Es ist 21 Uhr, als wir zahlen und gehen. Im Leopolds faengt die Nacht gerade erst an, denken wir, als eine Gruppe junger Inder unseren Tisch besetzt. Auf dem Weg zurueck in unser Hotel, dass quasi am Hafen liegt, nur wenige Meter vom India Gate und dem Luxusschuppen Taj Mahal Hotel entfernt liegt, laufen wir den wuseligen Colaba Causeway entlang, die Hauptstrasse hier im Sueden Bombays. An zahlreichen Restaurants, Strassenstaenden und Cafe's vorbei schieben wir uns durch die Menschenmenge voran. Zurueck im Hotel halten wir einen kurzen Plausch mit dem Mann an der Rezeption und ziehen uns zurueck. Vor dem Einschlafen lauschen wir bei offenem Fenster dem Gemurmel der Stadt, der Fuelle naher und ferner Geraeusche. Wir fallen in einen tiefen Schlaf. Doch Bombay ist hellwach. Bis zum naechsten Morgen lag unsere Welt in friedlichem Schlummer, waehrend die Stadt um uns herum schon in Truemmern lag.
Beim Aufwachen um 9 Uhr morgens faellt unser erster Blick auf das Gruen vor unserem Fenster. Die Sonne scheint, es ist ruhig in unserer Strasse, kein einziges Auto ist zu hoeren. Ein bischen unwillig stehen wir auf, wissend, dass wir einige Stunden am Reservierungsschalter vor uns haben, um endlich die Tickets nach Rajastan zu ergattern. Vor unserer Zimmertuer faengt uns die alte indische Lady aus dem Zimmer nebenan ab. Sie murmelt etwas von Terroristen und "attacks" und weist uns daraufhin, das eventuell der ein oder andere Shop heute geschlossen sei. Wir bedanken uns hoeflich und treten in die Lobby. Der Fernseher laeuft. Das Hotelpersonal hockt geschlossen vor dem Bildschirm. "Good morning, my friend! Very bad day for India and you have been sleeping!" Wir laecheln. Die Strasse zum Hafen ist gesperrt, wir laufen durch die kleinen ruhigen Nebenstrassen Colabas. Alles ist zu. Ueberall Militaer. Mit den Maschinengewehren im Anschlag stehen Soldaten und Polizisten an jeder Ecke, in jeder Strasse. Am der naechsten Ecke finden wir einen kleinen Chaishop, der die Rollaeden halb hoch gezogen hat. Wir bestellen zwei Kaffee, kaufen eine Zeitung und setzen uns auf den Buergersteig. Um unsere herum sitzen andere Touristen, deren Fruehstueckscafe ebenso geschlossen ist. Dann faellt unserer erster Blick auf die Titelseite. Zu sehen ist ein Bild vom Bahnhof, eben jenem Bahnhof, an dem wir tags zuvor um Tickets angestanden haben. Zurueckgelassene Koffer und Taschen stehen in der grossen Halle des ehemaligen Victoria Terminals, einem der Wahrzeichen Bombays. Hinten im Bild sind Polizisten zu sehen. Der Rest ist rot. Der Boden ist voller Blut. Aufgeregt arbeiten wir uns durch die Artikel. Bei Redaktionsschluss wusste man von 90 Toten. Die erste Schiesserei fand im Leopolds statt, 20 oder 30 Minuten, nachdem wir unser letztes Bier getrunken hatten. Die ersten Fragen tauchen auf: Diese zwei coolen Typen am Tische neben uns mit den Karohemden, sind die...? Und was ist mit der Gruppe Europaer, die gerade erst kamen, als wir zahlten? Und was waere, wenn wir etwas laenger geblieben waeren oder die Attentaeter frueher gekommen? Doch weiter im Text. Im Taj Mahal Hotel, nur 100 m von unserem Hotel entfernt, verschanzen sich laut Zeitung einige Terroristen, liefern sich Gefechte mit der Polizei. Ebenso ist die Lage in einem weiteren 5 Sterne-Hotel Bombays, dem Oberoi. An 12 Plaetzen gab es Anschlaege, Bombenexplosionen und Schiessereien in die Menge, so lesen wir.
Wir falten unsere Zeitung zusammen und gehen. Wir fuehlen uns ploetzlich unwohl. Was, wenn eine Panik ausbricht? Wir laufen Richtung Hotel. Zum ersten Mal sehen wir Rauschschwaden aus den oberen Stockwerken des Taj Hotels aufsteigen und Loeschfahrzeuge in den Strassen drum herum. Die Menge Schaulustiger, die sich auf Hoehe unserer Strasse gebildet hat, wird gerade von einem Polizisten mithilfe seines Knueppels zurueckgedraengt.
Wir sind zurueck in unserem Hotelzimmer, noch immer unfaehig, das eigentliche Ausmass der vergangenen Nacht zu begreifen. Unsere Eltern, wir muessen unsere Eltern anrufen. Wir hoeren von der schlaflosen Nacht, die sie in Sorge um uns verbracht haben und der Erleichterung, die sich in Traenen aufloest. In den folgenden Mittagsstunden starren wir an die Decke. Man hat uns geraten, nicht raus zu gehen. Ab und zu hoeren wir eine dumpfe Erschuetterung, Sirenen.
Um 3 Uhr treibt uns der Hunger vor die Tuer. Draussen an der Ecke zum Hafen wieder dasselbe Bild. Loeschfahrzeuge, Polizei, Schaulustige. In einem Hotel zwei Haeuser weiter laesst uns der Sicherheitsbeamte nach einigem Bitten hinein. Das ist unsere einzige Chance, denn alles, wirklich alles um uns herum ist geschlossen. Leer, wie ausgestorben. Wir essen eine miserable Pizza und trinken ein zu teures Soda. Ueber uns kreisen Hubschrauber. Zwei kurz aufeinanderfolgende Detonationen loesen Gaensehaut aus. Von einem Mitreisenden erfahren wir etwas mehr ueber die Lage. Doch letztlich wissen wir nichts. Weit und breit ist kein Internetcafe geoeffnet, die Nachrichten aus der Zeitung sind kaum aktuell. Wir sitzen in einer Blase. Die Nacht hat 125 Tote genommen und wir schliefen. An 3 Plaetzen der Stadt kaempfen Menschen um Leben und Tod und wir sitzen mittendrin. Wissen eigentlich gar nichts. Wie gross dieses Garnichts ist, werden wir erst in den naechsten Tagen erfahren. Der Fernseher im Hotel laeuft den ganzen Tag auf Hindi. Der halbblinde und uralte Besitzer versteht kein Englisch. Und wir kein Hindi. Am Abend werden wir mutiger. Gemeinsam mit unserem Mitreisenden Stefan erkunden wir leise das Viertel. Die Strassen sind leer. Alles, was an die belebten Strassen am Abend zuvor erinnert, sind die unzaehlighen Hunde und Katzen am Strassenrand. Wir wagen uns zum Leopold vor. Wenige Stunden nach den Anschlaegen ist alles schon wieder frei zugaenglich. Ueber die Rollaeden schauen wir in die Bar, die beinahe die letzte Station unserer Reise geworden waere. Einschussloecher. In den Saeulen, den Deckenventilatoren. Ein Inder scheucht uns weg. Auf der Suche nach etwas zum Essen hilft uns ein Taxifahrer und bringt uns in ein nahegelegenes Restaurant, dass heute offen hat. Die Strassen sind leer. Wir sind in Bombay, mit seinen 15 Mio. Einwohnerns, 40000 Taxis und einem Zentrum, das nie schlaeft. Heute versteckt sich all das in den Haeusern und Slums der Stadt. Alles leer. Zurueck im Hotel. Aus dem Taj Hotel steigt noch immer Rauch auf. Grosse Wassermengen laufen an der alten Fassade herunter, waehrend die Feuerwehr versucht, die Braende zu loeschen. Wir haben nicht den leisesten Schimmer, was sich innerhalb der Mauern abspielt. In unserer Lobby hat Jemand vom Hindukanal zu CNN India umgeschalten. Nach 12 Stunden in dieser Geisterstadt sehen wir zum ersten Mal Nachrichten. 125 Tote, 317 Verletzte. Eine kleine vermeintlich pakistanische Terrorgruppe hat ihren Rachezug durch die Nacht getan. Im Namen aller Muslime, die seit 1947 in Indien unterdrueckt werden, heisst es aus dem Bekennerschreiben. Seit 24 Stunden dauern die Gefechte an. Noch immer geht es wenige Meter von uns um Leben uns Tod. Wir leben, am Ende unseres 2. Tages in Bombay.
Tag 2 der Anschlaege ist der Tag, an dem alles vorbei waere, dachten wir. Am Morgen des 28. November bietet der Ausblick aus unserem Zimmerfenster dasselbe Bild wie am Vortag. Doch etwas ist anders. Dutzenden Feuerwehrleute haben sich auf den Buergersteigen vor unserem Hotel niedergelassen, an der Ecke zum Hafen hat ein grosser Militaerbus seine Parkposition eingenommen. Soldaten mit Maschinengewehren bewachen die Eingaenge zu unerer Strasse. Wir sitzen in der Falle. Die morgendliche Dusche entfaellt. Die Wasservorraete unseres Hotels sind aufgebraucht. Nachschub gibt es nicht in diesem Bombay im Ausnahmezustand. Wir gehen in die Lobby, wo seit 36 Stunden der Fernseher laeuft. "Not over, Miss!", sagt einer der Angestellten, als wir uns setzen. Nach einigen Schlagzeilen erfahren wir, dass der Horror nach zwei Naechten und einem Tag noch immer nicht beendet ist. Im Oberoi Hotel, wo mehr als 200 Menschen als Geiseln vermutet werden, dauern die Gefechte an. Ebenso im Nariman Haus, einem juedischen Begegnungszentrum wenige hundert Meter von uns, wo Terroristen 8 Israelis, darunter einen Rabbi, als Geiseln halten. Im Taj Hotel nebenan sei es so gut wie vorbei, hoeren wir. Lediglich ein Terrorist wird noch im Gebauede vermutet. Die Bilanz von Nacht 2. Unsicher und auf leisen Sohlen verlassen wir das Hotel. Der Chaishop an der Ecke ist noch immer der einzige offene Laden im Viertel. Wie am Vortrag bestellen wir Kaffee, kaufen 3 oder 4 Zeitungen und durchstoebern die Meldungen auf den Stufen der geschlossenen Apotheke nebenan. Nach und nach entdecken wir, dass etwas mehr Leben verhalten in den Seitenstrassen sichtbar ist als gestern. Ein Obstverkaeufer sortiert Aepfel nach Farben, an einem Strassenstand tuermen sich Toilettenpapierrollen und Wasserflaschen. Optimistisch laufen wir die Hauptstrasse entlang. Vorm Leopold draengt sich eine Menschenmenge um einer Reporter. Ueberall stehen Uebertragungswagen von Fernsehsendern. Endlich finden wir ein geoeffnetes Internetcafe. Gierig nach Informationen durchstoebern wir die Nachrichtenportale. In den Emailpostfaechern warten besorgte Nachfragen. Dass es und gut geht, schreiben wir, dass die letzten 36 Stunden an unseren Nerven gezehrt haben, dass wir guter Hoffnung sind, dass bald alles vorbei ist. "Oh mein Gott!", sagt Ronny ploetzlich. Spiegel online berichtet mit einer Eilmeldung von erneuten Schuessen am Bahnhof und dem Ausbruch einer Massenpanik. So fuehlt sich Angst an. Angst vor dem naechsten Schritt, Angst, rauszugehen. Schnell rufen wir die Seite des Deutschen Konsulats auf und lassen uns als Deutsche registrieren, notieren die Hotline fuer Notfaelle hier in Bombay. Waehrend dessen hat sich die Eilmeldung als Falschmeldung enttarnt. Wirklich erleichtert fuehlen wir uns nicht. Wir hasten zurueck ins Hotel. Unser steter Begleiter in den letzten Tagen, Ashok, der Nachrichtensprecher bei CNN India, aktualisiert fuer uns die Lage. All das, was wir im Fernsehen sehen, passiert nur wenige Meter im Umkreis von uns. Explosionen dringen aus dem Taj Mahal, 2 Sekunden spaeter hoeren wir diesselbe Expolsion in der Live-Uebertragung. Surreal. Draussen potenziert sich die Anzahl der Soldaten. Die Lage ist unveraendert. Die Kaempfe im Oberoi Hotel und im Nariman Haus dauern an, die Zahl der Todesopfer steigt langsam, aber kontinuierlich. Ashok erklaert uns nun auch die wachsende Militaerpraesenz um uns herum: Im Taj Hotel sind widererwartend noch mehrere Attentaeter verschanzt sowie eine unklare Anzahl von Geiseln. In den oberen Stockwerken sind wieder Braende ausgebrochen in Folge von Granatenwerfern. Unter uns im Hotel ist die Stimmung gedrueckt. Alle haben gedacht, oder gehofft, dass heute alles vorbei ist. Im Taj nebenan jedoch geht es erst in die 2. Runde. Gemeinsam mit unserem deutschen Hotelnachbarn, gehen wir nach nebenan zum Essen. Dort kennt man uns schon. Durch einen offenen Spalt am Tor schluepfen wir hinein. Offiziell ist das Restaurant geschlossen. Die Angst beherrscht Bombay in diesen Tagen. Waehrend wir auf unser Curry mit Reis warten, rumst es laut aus Richtung Taj. Die Menge, die sich neugierig an den Polizeisperren draengt, flieht auseinander. Dann folgen Schuesse. Schweigend essen wir. Wir melden uns beim Sicherheitsbeamten schon mal fuers Abendessen an. Man klopft uns auf die Schulter. Ein "Be careful!" begleitet und zurueck zum Hotel. Vorsichtig gehen wir an den Militaerposten vorbei. Alle wirken nervoes. Unter dem Vordach unseres Hotels stehen andere Bewohner. Eine Schwedin verkuendet, im Taj sei Sprengstoff gefunden worden. Ihre Worte werden von dumpfen Detonationen und Schusswechseln untermalt. In der Zwischenzeit hat die Polizei das Oberoi eingenommen. Ueber 100 Geiseln werden hinausgefuehrt, im Laufe des Abends werden ueber 30 Tote geborgen.
Im Nariman Haus und im Taj ist waehrend dessen alles beim Alten. Ein paar Attentaeter halten 2000 Polizisten und mindestens soviele Soldaten sowie die ganze Welt in Atem. 42 Stunden sind vergangen, seit wir das Leopold rechtzeitig verlassen haben. Es ist schwer, zu begreifen, was haette passieren koennen. Wir hocken auf der Treppe. Die ersten Leute reisen ab, einige geplant, andere wollen einfach aus Bombay raus. Waehrend aus dem Taj weiter die Geraeusche des Gefechts rieseln, ueberlegen auch wir, was wir tun sollen. Die Botschaft kontaktieren? Zum Bahnhof fahren und den naechsten Zug raus aus der Stadt nehmen, dort, wo gerade 40 Menschen erschossen wurden? Nein, wir bleiben in unserem Hotel. Warten. Mittlerweile vermutet man im Taj 6 oder 7 Attentaeter, die Zahl der Geiseln bleibt weiter unklar. Wir reden. Wie kann es sein, dass die indischen Behoerden 48 Stunden nach Beginn der Anschlaege noch immer keinen Schimmer hat, wer sich wo mit wievielen versteckt? Wiese wurden wir noch nicht evakuiert? Wir sind nur einen Steinwurf von Taj entfernt. Ein Querschlaeger, eine groessere Explosion... Es wird dunkel. Nach weiterem Sitzen vor dem Fernseher schleichen wir uns zum Abendessen. Mit dem unweiten Kugelhagel im Hintergrund essen wir schnell unseren Reis und laufen zurueck zum Hotel. Wieder Sitzen vor dem Fernseher. Um 21 Uhr wird die Operation "Black Tornado" im Nariman Haus fuer beendet erklaert. Die Mitglieder der Spezialeinheit werden von einer jubelnden Menge als Helden gefeiert. Minutenlang berichtet der Live-Kommentator von den "Bravehearts", waehrend wir und fragen, was eigentlich aus den Geiseln geworden ist. Dann endlich erfahren wir, dass 5 Israelis tot sind. Ein 2-jaehriger Junge ist ueber Nacht zum Waisen geworden. Der letzte verbleibende Schauplatz ist also das Taj nebenan. Wir warten vor dem Fernseher bis 23 Uhr, hoffen, dass die Gefechte auch dort fuer beendet erklaert werden. Vergebens. Schuesse. Ein Journalist vor dem Taj wurde verletzt. Wir gehen schlafen. Es ist Nacht 3 in Bombay. Wieder schlafen wir ein mit der Hoffnung, dass Morgen alles vorueber ist.
Es ist 4 Uhr morgens. Mehrere aufeinanderfolgende Explosionen lassen uns aus dem Schlaf hochschrecken. Es folgen Schusswechsel. Wir springen auf und verschliessen die Fensterlaeden. Dann liegen wir wach. Noch lange lauschen wir den Schuessen. Irgendwann schlafen wir wieder ein, und reden uns ein, dass es schon sicher bald vorbei sein wird.
Am Morgen nach dieser unruhigen Nacht stehen wir bedrueckt auf. Der Blick aus dem Fenster ist unveraendert. Noch immer gibt es kein Wasser. In der Lobby laeuft der Fernseher. "Over, Miss!" Wirklich? Ja, es ist vorbei. Alle Attentaeter im Taj wurden erschossen, einige Geiseln geborgen. Im Laufe des Tages wird das Ausmass der Opferzahlen klar. Den ganzen Tag werden Leichen aus dem Gebaeude getragen. Ja, wir hatten Angst in den letzten Tagen, doch wie muss es wohl denen gegangen sein, die eingesperrt waren, oder inmitten von Toten auf ihre Rettung gewartet haben? Unvorstellbar. Hier erschoepft sich unsere Vorstellungskraft. Zum ersten Mal seit Beginn dieses Albtraums weinen wir. Aus Erleichterung, aus Wut, aus nachlassender Angst. Auch an diesem Morgen fuehrt uns der erste Weg zum Chaishop. Wir ueberfliegen die Schlagzeilen. Die meisten Laeden sind noch geschlossen. Wie erhaschen einen Blick auf das Taj. Das wunderschoene alte Gebaeude mit seinen Tuermen gleicht einem uebergrossen Maerchenschloss. Teile des Dachs sind ausgebrannt, Fensterscheiben kaputt. Aneinander geknotete Bettlaken und Gardinen haengen als Fluchtweg an der Fassade runter. Das strahlende Gebaeude, das zum Weltkulturerbe gehoert, blickt verstoert aufs Meer hinaus.
Ganz langsam beginnen wir zu verstehen, dass es wirklich vorbei ist. Doch wir wissen auch, wieviel Glueck wir hatten. Glueck in vielerlei Hinsicht. Anderen Menschen ging es nicht so in den letzten Tagen. Die Zahl der Todesopfer steigt stuendlich. Unter den bisher 157 Toten sind Kinder, Eltern, die Waisen hinterlassen haben, Polizisten und Viele, die ihr Leben fuer Andere gelassen haben. Heimtueckisch und sinnlos haben die Attentater gemordet, Unschuldige in ganz Bombay gejagt. Wir sind mit einem Schrecken davorgekommen, doch die Bilder beruehren uns, die Geschichten, die sich zwischen den Menschen ereignet haben, fuellen die Zeitungen.
Es wird wohl noch etwas dauern, bis wir all das verarbeitet haben und wir aufhoeren uns zu fragen, was waere, wenn...
Dienstag, 2. Dezember.
Heute, drei Tage nach diesen letzten Zeilen, fuehlen wir uns vielleicht mehr mitgenommen als in den Tagen der Anschlaege selbst. Nach und nach erschliessen wir und uns die Ereignisse aus den Zeitungen. Wir gehen zum Oberoi Hotel. Gucken. So wie Hunderte Anderer. Wir finden uns vor dem Nariman Haus wieder. Wir laufen durch die Strassen von Bombay und wissen nicht, wohin. Uns ist nicht nach Sightseeing. Wir haben ein Zugticket nach Rajasthan in der Tasche, aber je mehr Zeit vergeht, desto weniger fuehlt es sich nach Weiterreisen in uns an. Wir ertappen uns immer wieder mit Angst im Bauch in den Strassen, den Restaurants. Vor allem aber sind wir nach wie vor gelaehmt von dem Gedanken, dass ploetzlich Jemand in der Tuer steht und ein Maschinengewehr in den Menge haelt. Was schon eine Weile in uns ist, findet seinen Weg nach draussen. Das Gefuehl, nach Hause zu wollen. Letztlich ist es auch die Verantwortung unseren Eltern gegenueber, die sich um uns sorgen und uns gebeten haben, nach Hause zu kommen.
Am Samstag landen wir in Berlin. Seit wir diese Entscheidung getroffen haben, fuehlt sich alles etwas besser an. Wir versuchen nun, die letzten Tage hier zu geniessen. Denn es sind nicht nur die letzten Tage in Bombay, sondern auch die letzten Tage unserer 6-monatigen Expedition...
Wir warten auf Samstag. Es gibt aber auch noch eine Zeit vor Bombay, wenn auch gerade etwas in Vergessenheit geraten. Vor unserer Ankunft hier am 27. November haben wir zwei oder drei wunderschoene Wochen in Goa verbracht. Hier ein paar Impressionen aus dieser Zeit... Goa in vollster Pracht Ausblick aus unserer Huette in Palolem, Suedgoa. Sonnenuntergang allein am Strand Erkundungstour auf unserem schicken Mofa Idylle Arambol entdecken Abends am Strand "Kundalini Airport" Konzert in Arambol ...das Publikum Saturday Night Market in Nordgoa ...eine Galerie auf dem Markt Abschied von Arambol Auf dem Weg nach Bombay

1 Kommentar:

Jitka und Daniel hat gesagt…

WIR FREUEN UNS AUF EUCH!!!

PS: Gute und vor allem eine sichere Heimreise!

Dickes Beso.