Die letzten zwei Wochen waren aufregend. Wir haben uns alle Muehe gegeben, Nepal von verschiedenen Seiten kennenzulernen. Es gibt hier wirklich eine ungeheure Vielfalt zu entdecken. So haben wir uns aufgemacht in den Chitwan Nationalpark im Sueden, um auf dem Ruecken einer Elefantendame den Dschungel zu erforschen, Nashoerner zum Greifen nah zu erleben und um zauberhaften Dickhaeutern beim Baden zuzusehen. Wir haben Stunden in Bussen auf nepalesischen Auf-Und-Ab-Schlaglochstrassen verbracht, Unfaelle sind vor unserer Nase passiert und eine Strassensperrung zwang uns, die letzten 8 Km nach Kathmandu zu laufen. Wir haben uns buddhistische und hinduistische Tempel in grosser Zahl angeschaut, sind ins Umland von Kathmandu gefahren, um tibetische Moenche live zu sehen, heilige Maenner (sogenannte Sadhus) in ihrer bunten Vielfalt zu bewundern. Wir haben uns auch nochmal fuer einige Tage in Richtung tibetische Grenze aufgemacht ins Last Resort, um auf wilden Fluessen zu raften, uns im Wasserfall in einem Canyon abzuseilen und einfach in einem romantischen Zelt die Natur in den 8000ern ein letztes Mal zu geniessen. Doch damit ist es noch nicht genug. Heute und morgen streifen wir durch die Stadt, um an allen Ecken Ziegenkoepfe rollen zu sehen: Es ist Dasein in Nepal, das groesste Fest des Jahres (das einer der unzaehligen Hindugoettinnen gewidmet ist), bei dem am 8. Tag Ziegen auf der Strasse geopfert werden: fuer Glueck und Wohlstand, fuer Fruchtbarkeit oder fuer Autos, damit die Fahrten sicher sind (und da kann man in Nepal garnicht genug Ziegen opfern, denn der Verkehr hier ist das reinste Grauen!). All das haben wir erlebt und Nepal in vollsten Zuegen geniessen duerfen.
Wie schon in den letzten Monaten haben wir all dies dokumentiert und koennen Bilder sprechen lassen: Mit bunten Farben auf den Fotos, den vielen Menschen hier in Kathmandu, den Opferzeremoninen. Doch im Moment sprechen diese Bilder nicht mit uns. Sie verharren still auf unserer Kamera und wollen da nicht raus. Es ist das erste groessere Malheur in diesem Urlaub, fuer das wir ein Traenchen vergossen haben. Noch sind alle Fotos da, und vielleicht finden wir morgen in Kalkutta einen Zauberer, der sie aus der Kamera befreit.
Nachdem wir den ersten Schock gestern Abend verdaut und gegen den Frust einen Rotwein getrunken hatten, philosophierten wir ueber die Bedeutung von Bildern. Ueber die zahllosen Fotos, die Touristen auf Reisen jeden Tag machen und ueber Kinder, die sich vor uns aufbauen und sagen "Photo?", um danach die Hand auszustrecken. Was bedeuten diese Fotos fuer unsere Reise? Sie sind unser Kommunikationsmittel fuer Alle, die nicht mit auf Reisen waren und mit denen wir nach unserer Rueckkehr die Erlebnisse teilen wollen. Denn wer kann sich schon vorstellen, wie ein Sadhu aussieht? Wer weiss, was wir meinen, wenn wir von den Altstadtgassen Kathmandu's erzaehlen? Diese Bilder sind ein Teil von uns, sie sind unsere Augen auf dieser Reise, die das Gesehene festhalten, unser Kanal nach aussen. Und was bedeuten Fotos fuer uns selbst? Werden wir den Computer hochfahren und Bild 2789 oeffnen, auf dem sich die Nashoerner im Dreck suhlen, um uns an den Auflug in den Nationalpark zu erinnern? Werden wir uns ein Video anschauen, auf dem eine Familie zu sehen ist, die vor der Verbrennung ihren Verstorbenen in aller Oeffentlichkeit beweint? Brauchen wir diese Fotos, um das Gefuehl der Entzueckung beim Anblick der Nashoerner oder der distanzierten Neugier bei der Verbrennung wieder zu erleben? Nein, das brauchen wir nicht. Fotos riechen nicht, auf Fotos ist es nicht heiss, Fotos draengeln sich nicht durch Rikschas, Autos, Kuehe, Fussgaenger, fliegende Haendler und Strassenkinder hindurch. Diese Szenen sind nur in unseren Koepfen. Wenn wir uns erinnern, gehoert all das zum Erlebnis dazu. Und die besten Momente kann man sowieso nicht fotografieren, denn sie passieren, bevor die Kamera aus der Tasche gezogen ist.
Fotos sind aber auch Gedankenstuetzen, Erinnerungshelfer in der Vielfalt der Eindruecke, die jeden Tag auf uns einstroemen. Sie sind Tuersteher und werden in einigen Monaten oder Jahren ein Schluessel sein, um uns zurueckzufuehren in erlebte Welten, um vergessene Eindruecke wieder hervorzuholen, um zu rufen "Ach ja, weisst Du noch..." Und so schwanken wir, wie so oft auf dieser Reise, von Verzweiflung (ueber den Verlust der Bilder) hin zu Hoffnung (dass die Bilder doch noch zu retten sind). Das ist Reisen!
Wir werden also unsere Erzaehlungen mit wilden Gesten und dramatischen Momenten ausschmuecken, wenn wir Euch von den diesen zwei Wochen in Nepal erzaehlen nach unserer Rueckkehr. Es sei denn, die Fotos kehren zurueck...
Mit dem letzten Gruss aus Nepal,
Franzi und Ronny.
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2 Kommentare:
So, damit Ihr auch seht, dass wir diesen Eintrag gelesen haben, kommt hier mein obligatorischer Kommentar. Ich freu mich schon auf Daniels Berichte von Eurem Telefonat und sende ganz viele Küsse nach Kalkutta.
Ja hey ihr zwei!
Da ich nun endlich hoffentlich vielleicht endgültig verstanden habe, wie ich hier unfallfrei Kommentare hinterlasse, musste ich das kurz nochmal ausprobieren. Ich hoffe, ihr seid weiter fröhliche Reisende, mit allen eigentlichunwichtigenaberalserinnerungsstützedochsowertvollen Fotos ausgestattet!
Lieben Gruß aus Berlin!!
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