Morgens beim Aufwachen rotiert der Ventilator an der Decke. Irgendwie kommt man sich immer wieder vor wie in einem dieser Filme ueber eines dieser weit entfernten Laender, in denen es immer heiss ist, draussen auf der Strasse immer lautes Hupen zu vernehmen ist und der Protagonist in einem etwas schaebigen Hotelzimmer aufwacht, mit einer dreiarmigen schnurrenden Maschine ueber dem Kopf. Es ist 7 Uhr. Schweiss klebt am Koerper. Durch das halboffene Fenster dringt der Laerm indischer Strassen unaufhaltsam in unsere Privatssphaere. Ein neuer Tag beginnt. Nach der ersten Dusche des Tages, zu der sich bald weitere gesellen werden, machen wir uns auf die Suche nach einer Fruehstuecksoption. Auch nach vier Monaten unterwegs faellt es uns schwer, auf einen Kaffee am morgen zu verzichten. Als wir auf die Strasse vorm Hotel treten, hat uns schon benahe die erste Rikscha umgefahren. Quitschend dreht diese um und verfolgt uns auf etwa 500m, waehrend der Fahrer beharrlich versucht, uns zum Einsteigen zu bewegen. Einer von rund 100 Versuchen dieser Art am Tag. An der naechsten Strassenecke wartet ein kleines Cafe. Am Tag davor haben wir dort bereits den Caffee Latte probiert. Testurteil: Sehr gut. Das Cafe jedoch: Verschlossen. Also schwingen wir uns um die naechste Ecke. Dort lockt unser Lonely Planet mit einer weiteren Fruestuecksoption (Continental Breakfast!). Doch auch hier versperrt uns eine dicke Holztuer den Genuss von Toast und Kaffee. Es ist Sonntag. Ein letzter Versuch: Macht das Cafe von gestern vielleicht doch noch auf? Glueck gehabt, nur 10 Minuten warten, signalisert man uns von drinnen. Geschafft. Da wir die ersten Besucher sind, ist der schoene Fensterplatz noch frei. Waehrend wir Buttertoast, Milchkaffee und Eier geniessen, bleibt eine alte Frau von dem Fenster stehen. Der Sari haengt schmutzig an ihr herunter, das Haar ist zerzaust. Immer wieder fuehrt sie ihre Hand zum Mund. "Hunger", sagt sie. Oder: "Gebt mir doch was ab von eurem ueppigen Essen!". Vielleicht sagt sie auch etwas anderes, wir koennen es nicht hoeren hinter der Glasscheibe. Wir gucken geniert weg. Wie immer. Jedesmal fragen wir uns, all die vielen Male jeden Tag, wenn ein Kind kommt und um ein paar Rupees bettelt, wenn auf dem Boden ein Mann ohne Beine am Busbahnhof entlang kriecht oder wir diese alte Frau vor dem Fenster sehen, was wir tun sollen. Wir wissen es nicht. Wir kehren in unser karges Hotelzimmer zurueck. Tuer auf, Ventilator an. Jetzt heisst es warten, bis etwas Abkuehlung eintritt. Dann packen wir unsere Ruecksaecke. Routiniert schmeissen wir uns die herumliegenden Gegenstaende zu, schnueren alle Taschen zu, werfen kontrollierende Blicke ins Bad, unters Bett und in den Schrank und verschliessen die Tuer des etwa 42. Hotelzimmers auf dieser Reise. Wir legen den Schluessel auf die Rezeption, auf ein "Auf Wiedersehen" warten wir vergeblich. Solche Floskeleien sind hier selten. Wir stehen wieder auf der Strasse, der erste Rikschafahrer tritt schon auf die Bremse. Wir kennen den Fahrpreis von der Hintour, doch er will uns nur fuer das Doppelte transportieren. Mit einem Rucksack auf dem Ruecken ist es schwer, einen guten Preis auszuhandeln. Wir bleiben hart. Er auch. Und faehrt weg. Ohne uns. Der naechste schuettelt leicht den Kopf und deutet auf die Rueckbank. Kopf schuetteln heisst Zustimmen. Also: Einsteigen. Vorbei an Bussen und Kuehen, Autos und Ziegen schlaengelt sich unsere Rikschas hupend durch die verstopften Strassen. Kurz vor dem Busbahnhof auf der anderen Strassenseite sollen wir aussteigen. Uns direkt hinfahren? Dazu hat er keine Lust. Also steigen wir aus. Am Busbahnhof beginnt der uebliche Spiessroutenlauf. "Hello Miss...", toenen maennliche Inder allen Alters, "Rikscha, Rikscha?" ruft es aus der anderen Ecke. "Where from, Sir?" klingt es einige Meter weiter. Wir kaempfen uns zum Terminal vor. Am richtigen Schalter steht eine endlose Schlange, die Jeder versucht zu umgehen, indem er sich gnadenlos vordraengelt. Hier haben wir wie immer Glueck: Es gibt einen Ladies-Counter, wie fast ueberall in Indien. Schnell und problemlos koennen wir eine Reservierung fuer einen Bus erwerben. 25 Minuten warten. Inmitten der Menschenmassen stehen wir, noch immer so fasziniert und erschrocken wie am ersten Tag. In diesen 25 Minuten sind wir verheissungsvolle Hoffnung fuer drei alte Frauen, die ihre Hand zum Mund fuehren, zwei Andere, die vor uns sitzen bleiben und mit ihrer Blechschale klappern (in die man Geld oder Essen tun soll), und mindestens einen heiligen Mann, der um eine Spende bittet. Doch nicht nur das. Fuer die meisten Wartenden sind wir eine willkommene Abwechslung. Sie starren sie uns an. Ganz offen und unumwunden. Mit grossen schwarzen Augen. Kinder, Maenner und Frauen. Zwei Europaer, das ist aufregend. Sie stellen keine Fragen, laecheln nicht, zeigen keinerlei Regung. Sie starren einfach nur. Doch daran haben wir uns bereits gewoehnt. Ein paar Meter weiter stuetzt Jemand einen offenbar voellig betrunkenen jungen Mann. Er kann kaum laufen. Frauen wenden sich angewidert ab, waehrend er undeutlich gestikulierend Annaehrungsversuche startet. Seine Stuetze hievt ihn in einen Bus. Es kommt zu einem kurzen Schlagabtausch und schon hat der Busfahrer das unangenehme Paar wieder hinaus befoerdert. Ein nahestehender Polizist ist auch bereits auf die Stoerenfriede aufmerksam geworden. Er zieht seinen Stock aus dem Gurt und pruegelt auf den Betrunkenen ein. Mehrmals. Dieser kann sich in seinem Zustand nicht wehren, Traenen schiessen ihm in die Augen. Sein Begleiter zieht in schnell weg, raus aus dem Bahnhof, irgendwo in eine Seitenstrasse. Unser Bus ist endlich da. Froh, nicht um einen Platz kaempfen zu muessen, schwenken wir unseren Zettel mit der Reservierung und besetzen die Plaetze 2 und 3, ganz vorn neben dem Busfahrer. Drei oder vier Stunden Fahrt liegen vor uns, das ist Reisen. Wir starren gedankenverloren aus dem Fenster, versuchen, unsere Eindruecke zu verarbeiten. Mit einem Auge sind wir jedoch auf der Strasse und nehmen die Rolle des aengstlichen Beifahrers ein, mit den rechten Fuss auf dem Blech vor dem Sitz bremsend. So vergeht die Zeit. Wir sprechen ueber die Dinge, die wir heute morgen in der Zeitung oder gestern im Internet gelesen haben. Wir springen von dem Buergerkrieg auf Sri Lanka, ganz in unserer Naehe, nach Deutschland. In einem indischen Bus entlang der Ostkueste debattieren wir die Kanzlerkandidatur Steinmeiers, denken ueber moegliche Wahlkampfthemen nach und waegen Koalitionsoptionen ab. Je naeher wir unserem Ziel Chennai kommen, desto mehr verdunkelt sich der Himmel. Es ist Monsunzeit hier im Sueden. Mindesten einmal am Tag zieht sich der Himmel zu. Ein Tropfen faellt, und bevor man die Woerter Regenjacke oder Unterstellen aussprechen kann, schuettet es bereits wie aus Eimern. Nach 20Minuten ist dieses Spektakel meistens wieder vorbei. Nicht jedoch heute. Es regnet weiter, noch sitzen wir im Bus und erfreuen uns an dieser Abkuehlung der stickigen der Luft. Es wir dunkel, noch bevor wie Chennai erreichen. Der Sonntagabendverkehr bringt unsere Fahrt ins Stocken. Es wird knapp. In zwei Stunden faehrt der Nachtzug nach Kochin ab, fuer den wir bereist vor Tagen Tickets bei einer ungehaltenen Inderin erstanden haben, die ihre spontane Wut an uns ausliess. Der Bus haelt an einer Strassenkreuzung. Wir steigen aus. Wir haben keine Ahnung, wo wir sind. Es regnet in Stroemen. Der Preis, den uns der Rikschafahrer nennt, scheint ueberhoeht. Doch wir steigen ein, um dem Regen zu entkommen, aber auch muede vom staendigen Aushandeln eines Fahrpreises. Wenige Meter spaeter bleiben wie stehen. Die Strasse ist verstopft. Auf zwei Spuren draengen sich ein Bus, ein LKW, 2 Rikschas und 5 Motorraeder nebeneinander. Jeder versucht, voranzukommen. Der Regen wird staerker. Der Fahrer laesst links und rechts Planen herunter, die die offene Rikscha provisorisch einhuellen und uns gegen den Regen schuetzen sollen. Kurze Zeit spaeter ist die Plane durchnaesst, der immer staerker werdende Regen peitscht erbarmungslos auf die Strassen. Wir sind nass. Es ist kalt geworden. Der Rikschafahrer haelt unter einem Baum. Die Strasse steht unter Wasser. Er will den Regen abwarten, zeigt er uns in einer Mischung aus ein paar Brocken englisch und zum Himmel weisenden Gesten. Wir warten also, was sollen wir auch anderes machen. Irgendwo links von uns gibt es einen Kurzschluss an einer Stromleitung. Wir fahren weiter, der Regen stuerzt weiter vom Himmel. Nach einer Stunde kommen wir endlich am Bahnhof von Chennai an, mitten hinein in die Menschenmassen. Durchnaesst, muede, hungrig. Noch 20 Minuten, dann faehrt der Thiruvanatapuram-Night-Express ohne uns ab. Wir hasten in eines der Bahnhofsrestaurants. Am Eingang rufen wir dem Kellner eine Bestellung zu. Veg-Biryani, das gibt es eigentlich ueberall. Wir quetschen uns mit unseren Rucksaecken und tropfenden Regenjacken an den letzten freien Tisch hinten in der Ecke. Unwohlsein ueberkommt uns. Kann man hier essen? Unser mit Vorsicht geuebter Blick schweift im Schnellrestaurant umher. Ob sich der Koch wohl die Haende gewaschen hat? Wird der Reis hier mit Leitungswasser oder mit sauberem Wasser gekocht? Nach fuenf Minuten kommt das Essen. Erleichterung. Es sieht ganz gut aus. Drei Minuten spaeter sind unsere Teller leer, schnell hieven wir die Rucksaecke auf, werfen 100 Rupees auf den Tisch und rennen im Dauerlauf zum Zug. Zum Glueck gibt es hier eine digitale Anzeige, so dass wir uns nicht die Ohren verbiegen muessen, um aus dem Genuschel aus dem Lautsprecher unsere Gleisnummer zu erraten. Rein in den Zug, unser reserviertes Lager fuer die Nacht suchend. Schon ganz professionell schieben wir die Rucksaecke unter das untere Bett, kaufen bei einem durch die Gaenge laufenden Teemann zwei Chai und setzen uns hin, waehrend der Zug auf seine Reise geht...
Ein Tag auf Reisen neigt sich dem Ende zu. Wir geniessen die Ruhe im Zug (2. Klasse Air Condition, den Luxus goennen wir uns, fuer ganze 15 Euro pro Person fahren wir 12 h quer durch Indien) und fallen bald darauf in einen geruhsamen Schlaf. Ein neuer Tag erwartet uns. Sicher wieder ganz anders als der Vergangene. Und sicher auch wieder voller Geschichten...
Sonntag, 19. Oktober 2008
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1 Kommentar:
So eine schöne Beschreibung des Reisealltags. Irgendwie fühle ich mich sehr berührt von den Treffen mit den Menschen und mit dem Alltag in Indien, und auch von den Fragen, die daraus entstehen. Danke, dass wir das mit erleben dürden!!
Viele Grüße,
Perrine
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