Freitag, 26. September 2008

Gipfelstuermer

8 Tage. Der Himalaja und wir. Regen. Die 8000er immer im Blick. Wir haben es geschafft! Wir waren auf dem Annapurna Basecamp!
Tag 1: Nachdem wir die ersten Treppen durch den Dschungel erklommen hatten, zeigte sich der Himalaja von seiner sanften Seite. Ueber Huegel, durch Doerfer, vorbei an Waescheleinen und Kochtoepfen, streiften wir gemuetlich durch die Landschaft. Um 3 waren wir unserer Lodge. Ein Haus aus Stein, ein Bett aus Holz, ein Gemeinschaftsraum mit Ofen. Zum Duschen bekamen wir einen Eimer heisses Wasser. Willkommen in den Bergen. Nach einer grossen Portion Dal Bhat (das isst man hier in Nepal: Reis, Curry und eine Schale mit Linsensuppe, dazu ein knuspriges Brot) lagen wir um 8 im Bett. Herrlich, das ist Urlaub! Tag 2: Das Plattern der Regentropfen auf dem Blechdach hat die Nacht in mehrere Stuecke geteilt. Wuerde es morgens aufhoeren zu regnen? Das tat es, und doch war dieser erste Regen nur der Vorbote fuer die naechsten Tage. Morgens ging es zunaechst auf glitschigen regennassen Stufen die Hoehe, die wir am Vortag erklommen hatten, wieder runter. Tief ins Tal. Durch den Dschungel. Mit Blutegeln an den Beinen. Bei 35 Grad und beissendem Sonnenschein. Schweisstreibend. Eine kurze Pause beim Mittagessen. Der Rest des Tages sollte uns zeigen, wie dieser Trek wirklich ist. Nein, es geht nicht Stueck fuer Stueck den Berg hoch. Es geht hoch und runter. Auf den Berg hinauf, durchs Tal, ueber den Fluss, und wieder hoch auf den naechsten Berg. Tag fuer Tag. Es ist nicht nur das Basecamp auf 4130 m zu erklimmen, sondern es sind auch mindestens 1500 Hoehenmeter am Tag zu ueberwinden. Ein endlos erscheinendes Auf und Ab. Wir sind fix und fertig. Ein Bad in den Hot Springs am Abend verspricht ein wenig Linderung. Ach ja, natuerlich haben wir den Weg durch die Berge nicht allein gefunden: Udaya, unser Guide, hat uns durch Dschungel, Taeler und ueber Berge geleitet. Das blaue Ding, das hinter Ronny's Ruecken hervorschaut, ist uebrigens unser Rucksack. Gute 15 Kg, ein Gewicht, fuer das andere ein paar Dollar mehr am Tag ausgeben, um sich einen eigenen Porter zu mieten, sprich einen kleinen Nepali, der auf flinken Fuessen westliche Rucksaecke nach oben befoerdert. Das alles hat Ronny gemacht...ganz allein! Tag 3: Der Tag beginnt, wie der Vorherige endete. Es geht 400 m auf steilen Steintreppen nach oben. Auch morgens um 8 ist die Sonne gnadenlos. Denn entgegen unserer Erwartungen ist es auf dem Weg nach oben nicht kalt, sondern tropisch heiss. Oben angekommen, goennen wir uns eine kurze Pause. Dann geht es (wen ueberrascht es noch) Treppen runter. Endlos schlaengeln sich die Stufen durch ein Dorf einen Hang hinunter. Dann sind wir wieder untem am Fluss. Ein Blick zurueck . Diese Stufen werden wir in wenigen Tagen wieder hinauflaufen. Doch zunaechst gilt es, die Stufen am vor uns liegenden Berg zu erobern, und ein Lager fuer die Nacht zu finden. Tief im Tal, das uns zum Annapurna Basecamp fuehrt. Irgendwann bleibt unser Guide immer stehen, deutet auf ein paar blaue Daecher, um zu sagen, dass dort unser Ziel ist. Dann sind es meisten noch 2 h, ueber Stock und Stein...Gerade bevor der leichte Regen in lange Faeden, die vom Himmel haengen, umschlaegt, kommen wir an, um unter den blauen Daechern Schutz zu suchen. Bei Regen wird es kalt. Aus der Kueche der Lodges, in denen sich immer die ganze Familie tummelt, kommen die kleinen Dinge, die uns an diesen Abenden gluecklich machen: heisser Tee, warmer Apfelkuchen, ein leckeres Essen. Dazu warme Schlafsaecke und echt nepalesische Wollmuetzen. Tag 4: Wir wachen frueh auf. Es regnet. Ein Weitergehen ist sinnlos. Wir versammeln uns im Gemeinschaftsraum, um gemeinschaftlich aus dem Fenster hinaus in den Regen zu starren und zu warten, dass er nachlaesst. Wer ist eigentlich diese Gemeinschaft? Am Tag zuvor trafen wir den Cousin unseres Guides mit 2 reizenden hollaendischen Maedels. Roos und Selma. (Dear Girls, thank you for the great days and evenings in the mountains with you!) Von nun an war geteiltes Leid halbes Leid. Um 11 faellt die Entscheidung, weiterzugehen, trotz Regen. Dieses grosse Tal, in das wir mitten hinein gehen, ist herrlich. Wasserfaelle schiessen aus den Felsen, die Waende sind in ein sattes Dunkelgruen getaucht. Heute gehen wir nur 400 m hoch. Die Nacht dient der Akklimatisierung. Noch 1000 m gilt es nach oben zu steigen zum Basecamp. In der Nacht schleichen sich die ersten Kopfschmerzen an. Tag 5: Der Regen ist vorbei. Vor uns tuermt sich der Macchapucchare auf, liebevoll "Fishtail" genannt. Nur 6997 m hoch. Ein Zwerg im Himalaja. Von jetzt an geht es nur noch hoch. Langsam. Die Luft wird duenner. Die Lungen fuellen sich nicht mehr. Leichtes Kopfweh. Die Beine werden immer schwerer. Nach 3 h ist das erste Ziel erreicht: Das Macchapucchare-Basecamp, oder das MBC, wie man hier professionell sagt. Von hier aus blicken wir hinein in das Tal, das wir durchquert haben und geniessen einen Blick, der entschaedigt. Der Blick in die andere Richtung verraet, wohin wir wollen. Noch 400 m hoch zum Annapurna-Basecamp, dem ABC. Die Stimmung schwankt zwischen "Wir koennen alles schaffen!" und "Lass uns doch einfach hier bleiben..." Die letzten Meter sind zaeh. Ja, die Beine koennen noch schwerer werden, der Sauerstoff wird weniger. Die 8000er ruecken in greifbare Naehe. Man fuehlt sich so nah dran. Und dann....Wolken. Sie schiessen hinter den Bergen hervor und lassen sich vor ihnen nieder. Als wir endlich am Basecamp ankommen, sehen wir nur noch Zuckerwatte. Kein Panorama, nicht einer der 16 Riesen, die man uns versprach, gibt sich an diesem Tag die Ehre. Wir ziehen uns zurueck in den Gemeinschaftsraum, stecken unsere kalten Fuesse unter den Tisch, wo ein Feuer brennt und hoffen auf einen klaren Himmel am Morgen... Tag 6: Als wir aufwachen, ist es schon hell. Wir wurden nicht zum Sonnenaufgang geweckt. Die Riesen sind noch immer in Watte gepackt. Wir koennen nicht weiter als 10 m gucken. Enttaeuschung? Nein, denn schliesslich ist der Weg das Ziel. Wir sind die Gipfelstuermer! Nun geht es bergab. 1000 m tiefer lassen wir endlich die Kopfschmerzen zurueck. Nach weiteren 800 m unten sind wir fast am Ende des Tals. Beim Blick zurueck Staunen: Sind wir das alles hoch gelaufen? Tag 7: Die Treppen erwarten uns zurueck. Auch die Sonne ist schon da. Hoch gehts, vielleicht 1000 Stufen, vielleicht mehr. Wieder kommen wir oben an, und wieder gehen wir an der anderen Seite runter. Ob mehr von Nepal in Erinnerung bleiben wird, als Treppenstufen? Unterwegs treffen wir auf all unsere Begleiter, die in diesen Tagen unseren Weg gesaeumt haben. Wasserbueffel, die Abkuehlung in Schlammloechern suchen, Pferde, die schwere Lasten in die Berge tragen, Menschen, die schon ihr ganzen Leben lang diesen Weg gehen, Packer, die nichts anderes tun, als Tag fuer Tag mit voellen Koerbern auf dem Ruecken alles in die Doerfer zu tragen, was zum Leben gebraucht wird. Auch die Schokoriegel, die wir so verspeist haben... Nach endlosen Stunden sind wir wieder am Fluss, wissend, dass wir auf der anderen Seite hoch muessen. Viele Meter. Mit Muskelkater. Am Abend kommen wir endlich an. In einer schoenen Lodge. Mit warmem Wasser und einem eigenen Bad (purer Luxus!). Es ist unsere letzt Nacht in den Bergen. Tag 8: Unser letztes Fruehstueck laesst Wehmut aufkommen. Vor uns baut sich der Annapurna South mit seinen 8090 m auf. Es ist, als wolle er wiedergutmachen, dass er und seine Kollegen auf dem Basecamp verschlafen haben. Mit dieser Aussicht geniessen wir unser letztes Himalaja-Fruehstueck, und steigen hinab, 3000 Treppen runter, die Sonne ist immer an unserer Seite.
Was haben wir geschafft? Wir haben mindestens 8000 Hoehenmeter ueberwunden, sind wahrscheinlich 100 km gelaufen, haben viele Liter Schweiss vergossen und unzaehlige Male geflucht und gekeucht. Was wird bleiben? Der Stolz, diesen Weg zurueckgelegt zu haben. Die Erfahrung, neue Grenzen auszutesten. Das unbeschreibliche Panorama, neben dem man sich so klein vorkommt. Wie belohnt man sich fuer derartige Strapazen? Zurueck nach Pokhara. Ein Tag auf dem See in einem Ruderboot mit unseren hollaendischen Maedels. Mit dem ein oder anderen Steak zum Abendessen. Mit ein paar Cocktails. Der Ausklang eines grossen Abenteuers.
Die Erinnerung an das Erlebte thront nun jeden Morgen vor unserem Hotelfenster. Der "Fishtail", unterwegs so nah, winkt zum Aufwachen aus der Ferne. Aus dem gemuetlichen weichen Bett im sommerlichen Pokhara ist er auch schoen! Und nun? Wenige Tage Ruhe, Muskelkater in den Beinen und Blasen an den Fuessen kurieren. Denn das naechste Abenteuer wartet schon auf uns...

2 Kommentare:

Jitka und Daniel hat gesagt…

Hallo Ihr beiden Gipfelstürmer!
Glückwunsch zum bestandenen und überstandenen Abenteuer!!!
Und vielen Dank für Eure beiden Postkarten - wir haben uns köstlich amüsiert...

LG Jitka.

Ulli hat gesagt…

Mein Brief ist noch nicht da :-(((... Liebe Grüße in die Ferne!!!