

Nein, das kann man nicht mit Worten erklaeren. Keine Beschreibung kann dem, was wir in den letzten Tagen und Wochen gesehen haben, gerecht werden. Indien ist genauso, wie wir es uns vorgestellt haben. Und doch ganz anders.

Unsere Landung in Neu Delhi vor 3 Wochen war sanft. An einem verstaubten Flughafen bei 38 Grad haben wir uns in eines der tollen alten Anbassador-Taxis gesetzt und sind direkt in die Wohnung unseres Bekannten Arndt gefahren, der in Delhi arbeitet. Hier durften wir ein paar Tage in einer kleinen Oase relaxen, unsere Wunden und uns , bevor das Abenteuer Indien richtig losgehen sollte. Ein kleiner Shop an der Ecke und ein exzellentes indisches Restaurant in Rikscha-Naehe haben zum Gelingen dieses Vorhabens beigetragen.
Dennoch haben wir natuerlich auch unsere mueden Reisefuesse vor die Tuer gesetzt und Delhi erkundet. Einen wirklich bleibenden Eindruck hat Old Delhi hinterlassen, die Altstadt. Haben wir uns zuvor nur in den breiten britischen Alleen entlang huebscher Parkanlagen bewegt, fanden wir in Old Delhi das Indien, das wir erwartet hatten. Kaum aus dem modernen nagelneuen U-Bahnhof gekommen, stehen wir auf einem riesigen Basar. Menschenmassen, die sich gnadenlos ihren Weg erkaempfen, Motorrikschas, die sich hupend vorwaerts schieben, Fahradrikschas, die ueber unsere Fuesse rollen, ueberall Kuehe und Verkaufsstaende und diese gnadenlose Hitze...Unterhalb des Blickfeldes sitzen Diejenigen, denen die indische Gesellschaft diesen Platz zugewiesen hat. Sei es aus Armut, Krankheit, Behinderung oder einfach der Tatsache, in ein Leben hineingeboren zu sein, dass keine lebenswertere Existenz bereit haelt. Jeder hat schon mal vom indischen Kastensystem gehoert, von bettelnden Kindern, die die Strassen saeumen, von allgegenwaertiger Armut. Doch das mit eigenen Augen zu sehen und zu verarbeiten, ist und bleibt eine Erfahrung, die uns an Grenzen treibt. Immer wieder. Noch in Delhi konnten wir zurueck in unsere Oase, ahnend, dass dies nicht immer so bleiben wuerde.

Einge Tage spater fanden wir uns mit "echt indischen" Zugtickets einem wuseligen Bahnhof wieder. Das heisst, wir haben in einer riesigen Halle zusammen mit hunderten von Indern um einen Platz in der Warteschlange gekaempft, Schweiss vergossen, Ellenbogen ausgefahren und mit dem Ohr im Schaltenfenstern gehangen, um "indian-english" irgendwie zu verstehen. Am Ende waren wir stolz und sassen in einem Zug nach
Agra...

...um den
Taj Mahal zu besichtigen, das groesste aus Liebe errichtete Mausoleum der Welt. An dieser Stelle sei vermerkt, dass die durch den Bau des Taj Mahal verehrte Gattin von Grossmogul Shah Jahan nur
eine seiner zahlreichen Frauen war...

Das wollten wir uns auf keinen Fall entgehen lassen, und hatten, da durch Agra taeglich Tausende von Touristen geschleust werden, nur einen Tag eingeplant. Rein ins Taj Mahal, und abends weiter. Im Reisefuehrer steht, dass der Tourismus vielerlei Betrueger auf den Plan ruft und man zunaechst Niemandem trauen solle. "What are you doing tomorrow, Sir?", fragte der Taxifahrer abends bei unserer Ankunft. "Taj Mahal closed tomorrow, you need Taxi?" Schweigen auf der Rueckbank. Nein nein, der will sicher nur ein gutes Geschaeft machen. Oder? Sollten wir die einzigen Touristen sein, die extra nach Agra fahren, um den Taj nur von einer entfernten Dachterrasse zu betrachten?

Nein. Doch der Taj war wirklich geschlossen (fuer Alle, die eine Indienreise planen: Achtung: Jeden Freitag geschlossen!). Was solls. Wir sind also zurueck zum Bahnhof, um "echt-indisch" unsere in Delhi gekauften Zugtickets fuer die Weiterreise umzutauschen. Kein Problem, jetzt wissen wir ja, wie es geht.
So kamen wir zu einem unverhofften Tag in Agra...Die gefuehlte Temperatur ist hoeher als in Delhi, wir kriechen entlang der schattigen Hauswaende, auf der Hut, nicht in Exkremente zu treten oder in die braune-waessrige Gosse abzurutschen, auf der Suche nach etwas Abkuehlung unter einem Ventilator. Stromausfaelle machen diese Hoffnungen oft zunichte. Auf den staubigen Strassen konkurrieren Autos, Rickschas, Kuehe und Elefanten um die Vorfahrt. Auf der Fahrradrikscha schwitzt ein armer Inder und Ronny muss aussteigen, um mitzuziehen...Unser Hotel liegt idyllisch an einer gruenen Wiese, eigentlich schoen, doch die flimmernde Hitze macht Schlafen auch dort nahezu unmoeglich. Faellt der Strom nachts aus, haengen Ventilatoren schweigend von der Decke, waehrend sich die Temperaturen ungehindert ihren Weg bahnen.

Um 5 Uhr morgens aufstehen faellt daher nicht schwer, um den Taj Mahal bei Sonnenaufgang zu bestaunen. Doch auch um 6 Uhr morgens, als die Tore geoeffnet werden, teilen wir uns dieses Erlebnis mit Scharen anderer Touristen. Ein wenig des Charmes dieses beruehmten Bauwerks nehmen wir dennoch mit; der weisse Marmor glaenzt fuer uns in der aufgehenden Sonne.
Den Rest des Tages verbringen wir ausserhalb von Agra in einem der besseren Hotels, wo wir fuer ein paar Rupies den Pool benutzen duerfen. Am abend dann geht es weiter nach
Varanasi.
Varanasi, davon wollen wir Euch erzaehlen. Diese Stadt liegt im Norden Indiens am Ganges und ist fuer die Hindus das, was fuer die Moslems Mekka ist - ein heiliger Ort. So kommen neben westlichen Touristen auch Scharen hinduistischer Pilgern nach Varanasi, um ein Bad im heligen Ganges zu nehmen oder zum Gebet.

In Varanasi angekommen besteigen wir eine Rikscha, die sich durch die Strassen draengt. Soweit das Auge reicht nur Menschen, Fahradrikschas, am Strassenrand Bettler, die von den Massen beiseite geschoben werden. Es scheint, als sei die Zeit hier stehengeblieben. Nach kurzer Fahrt werden auch wir Teil der Menge. Die Rikscha healt, durch das Gewirr der engen Altstadtgassen passen keine Fahrzeuge mehr. Verfolgt von ungewollten Stadtfuehrern, Verkaeufern und Schleppern, die uns in ein Hotel ziehen wollen, bahnen wir uns unseren Weg. Es scheint nochmal heisser zu sein als sonst, in der Gosse liegen Menschen, schlafend, bettelnd, Haenden werden uns entgegengestreckt.

Endlich das ersehnte Hotel. Es liegt direkt am Ganges, an einem der vielen
Ghats. Ueberall entlang des Ganges befinden sich
Ghats, Treppen, die zum Fluss hinunterfuehren, die als heilige Badestellen fuer Waschrituale oder Zeremonien genutzt werden. Doch es gibt noch einen weiteren Grund fuer einen Hindu, nach Varanasi zu kommen: Um hier an einem der Ghats verbrannt zu werden. Kann sich die Familie die teure Reise nicht leisten, so wird wenigstens die Asche des Verstorbenen hierher gebracht und in den Ganges gestreut, ebenso wie die Asche aller, die direkt hier verbrannt werden. An einigen der zahlreichen Ghats finden demnach 24 h lang Verbrennungen statt, oeffentlich und fuer Jedermann zugaenglich. In Tuecher eingewickelt werden die leblosen Koerper in Holzhaufen eingebaut. Wer hier verbrannt wird, so sagt es der Hinduismus, durchbricht den endlosen Kreislauf der Wiedergeburt und erlangt endgueltige Erloesung. Die Verbrennungen selbst und deren Vorbereitung werden von den "Unberuehrbaren" durchgefuehrt, den Kastenlosen, die es offiziell nicht mehr, gibt von denen, die in den Gossen der Altstadt liegen, die sich hinter den Ghats erstreckt. Was wir hier gesehen, gerochen und erlebt haben, kann man wohl nur schwer beschreiben. In den schmalen Gassen teilen die Kuehe den engen Raum mit Menschen, es stinkt und uns enthuellt sich hier wenig der heiligen Atmosphaere dieser Stadt.

Um mehr zu sehen und zu erfahren, haben wir 2 Bootsfahrten auf dem Ganges gemacht. Eine bei Sonnenaufgang, um den Waschritualen direkt vom Wasser aus beizuwohnen (ein Gefuehl von Voyerismus beschleicht uns...) und auch, um die entgegen unser Erwartungen ganz unspirituellen Verbrennungen von Weitem zu beobachten, ganz vorsichtig. Das Licht ist atemberaubend, und wie schon so oft auf dieser Reise hat sich das Aufstehen bei Morgengrauen mehr als gelohnt. Geraeuschlos schleichen die Boote auf dem Ganges dahin, waehrend die Haeuser und die Ghats in dieses unbeschreiblich rote Licht getaucht werden...an den Treppen stehen Pilger, im Ganges badend, auf- und abtauchend, hinter unserem Ruecken geht die Sonne auf....es ist anziehend und abstossend zugleich, eine Faszination, die in den Altstadtgassen in Abscheu umschlagen kann. Ein Wechselbad der Gefuehle dieser Art, wie Indien sie endlos bereit haelt.

Die abendliche Bootsfahrt unternehmen wir wieder mit den Maenner der Bootsfahrer-Kaste (Indien hat neben den 7 "grossen" Kasten hunderte von Abzweigungen, so auch fuer die Bootsfahrer), die uns schon morgens mit Informationen zu Ritualen und dem Leben in Varanasi gefuettert haben. Vom Wasser aus beobachten wir. neben den brennenden Haufen, die endlos aufgetuermt werden, eine allabendliche Zeremonie, fuer Shiva, Krishna. Im Feuerschein tanzen Brahmanen (aus der Priesterkaste), Pilger und Touristenklatschen zu merkwuerdigen Klaengen.

Es sind diese Bilder und Klaenge, die unsere Reise unbezahlbar machen. All die vielen Strapazen, denen wir uns aussetzen (und Varanasi war eine extreme Erfahrung) verschmelzen in Momenten wie an diesem Abend am Fluss zu dem, was diese Reise so wertvoll macht. Nach unserer Rueckkehr sind es hoffentlich die Faszination und der Zauber dieser Momente, die bleiben. In Varanasi selbst jedoch sind es Gestank und Ekel, die uns die Weiterreise herbeisehnen lassen. Ein Wechselbad der Gefuehle - Jeden Tag.

Die ersten Beruehrungen mit Indien liegen hinter uns. Denn - entgegen dem Titel dieses Eintrags, schreiben wir nicht mehr aus Indien. Nach 2 Tagen Varanasi haben wir den beschwerlichen und langen Weg nach Nepal aufgenommen. Hier angekommen, in Pokhara, an einem kleinen See am Fusse der 8000er, beginnt eine neue Reise. Wir tauchen mal wieder in eine andere Welt ein - und werden davon berichten...
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